Zwei große Radsport-Klassiker standen sich im August gegenüber. Der Grand Raid Cristalp Bike Marathon im Wallis und eine Woche später der große Jedermann-Radmarathon Ötztaler. Welcher dieser beiden Mammutveranstaltungen ist die härtere Radsport-Challenge? Dieser Frage ging ich im Selbstversuch nach und war selbst erstaunt über das Ergebnis.

Christalpedited

Sportograf/ Pas de Lona

Grand Raid Cristalp

Datum: 22. August

Länge: 125 Km

Höhenmeter: 5.025

Herzfrq: 150 S/min

Rennzeit: 6:26 Std.

Platz: 6

Ötztaler Radmarathon

Datum: 30. August

Sportograf/ Timmelsjoch

Sportograf/ Timmeljoch

Länge: 238 Km

Höhenmeter: 5.500

Herzfrq: 141 S/min

Leistung: 285 Watt

Rennzeit: 7:19 Std.

Platz: 12

Rennprofil & Charakteristik

Beide Radsport-Events haben einige Gemeinsamkeiten: Die erste Erkenntnis „Hinten ist die Ente fett“, das letzte Renndrittel ist im Ötztal wie im Wallis das schwerste. Beim Cristalp müssen auf den letzten 36 Km noch mal 1.845 Höhenmeter überwunden werden, die letzten 200 Hm sogar tragend über den Pass de Lona. Und auch beim Ötztaler kommt mit dem Timmelsjoch im 28 Km Anstieg mit insgesamt 1.759 Hm noch mal eine richtige Wand auf die Rennradfahrer zu. Die schweren Schlussanstiege, die auf 2.800 Hm und 2.500 Hm hoch gehen, geht der Fahrer mit müden Beinen an, so dass sie zum Scharfrichter werden. Denn alles was die Fahrer zuvor bereits absolviert haben, war auch kein Zuckerschlecken. Der erste 700 Hm- bzw. 1.100 Hm-Anstieg wird schon scharf gefahren, allerdings sind die Beine noch frisch und die Belastung gefühlt in Ordnung. Nach dem ersten Anstieg folgt in beiden Fällen eine Phase des „Durchatmens“, bspw. kommt beim Ötztaler ein 22 Km langes Flachstück bis Innsbruck und danach geht es mit einem 33er-Schnitt den Brenner hoch. So kann in der Gruppe fahren und gemeinsam Kraft sparen. Das ist zu empfehlen, denn danach wird es ernst. Was beim Cristalp der Mandelon, ist beim Ötztaler der Jaufen Pass. Beide Anstiege liegen etwa in der Mitte der Marathons und sind ca. 1.000 Hm hoch. In beiden Rennen wurde dort richtig Tempo gemacht, so dass der Fahrer angezählt in den Schlussanstieg fährt. Dieser wird dann zur Tortur und man ist fast froh, überhaupt den Gipfel erreicht zu haben. Beide Events enden mit einer tollen Abfahrt, so hat man nach einem Speedrausch und Adrenalinausschüttung die Strapazen vom letzten Anstieg fast schon vergessen und kommt mit einem Lächeln im Ziel an.

Zwischenfazit: Was das Rennprofil und die Charakteristik angeht, sind beide Rennen in etwa gleich schwer. Der Ötztaler ist zwar eine Stunde länger, dafür gibt es aber auch eine längere Rollphase, in der man Kraft sparen kann. Damit sind beide Marathons also gleichschwer.

Anstiege & Abfahrten

Die Abfahrten beim Ötztaler sind wahre Schussabfahrten, High Speed-Fetischisten werden ihr wahre Freude haben. Mein Top-Speed war 111,7 Km/h. Niemals zuvor bin ich auf dem Rad so schnell gewesen, ein wahnsinniges Gefühl. Dabei sind die Straßen beim Ötztaler gesperrt und die Straßen können komplett genutzt werden. Das erhöht den Spaßfaktor und die Erholung.

Anders verhält es sich beim Cristalp. Dort gibt es zwar auch Speed-Abfahrten (Top: 74Km/H), doch zum Großteil werden Waldwege und Trails befahren, die körperliche Arbeit erfordern. Besonders die Schlussabfahrt über 15Km mit zum Teil schweren Trails über Geröll fordern den Bikern nochmal alles ab.

Auch bei den Anstiegen verhalten sich beide Radmammuts unterschiedlich: Wo es beim Ötztaler auf Asphalt gut rollt und auch nicht so steil ist, muss beim Cristalp zum Teil auf schwerem Walduntergrund und Trails berghochgefahren werden. Der Höhepunkt der Strapazen ist der Schlussanstieg zum Pass de Lona, wo der Mountainbiker sein Bike über 20 min einen Klettersteig hoch trägt.

Zwischenfazit: Die Anstiege und Abfahrten sind beim Mountainbike-Rennen klar schwerer. Es bleibt kaum Zeit zur Erholung. Der Fahrer muss sich sowohl Höhenmeter als auch jeden Tiefenmeter erkämpfen. Daher ist der Durchschnittspuls über die gesamte Distanz ca. 10 S/min höher als beim Ötztaler.

Allgemein

Beide Marathons haben eine große Tradition. Der Mythos ist mächtig und der Start etwas Besonderes. Dass alles verleiht Motivation, sich dieser Challenge zu stellen. Ötztaler und Cristalp sind Events, auf die man sich freuen darf und stolz sein kann, sich auf der Ergebnisliste wiederzufinden. Jedoch klingelt bei beiden Rennen um 4:30 Uhr der Wecker und die Fahrer stellen sich noch vor Sonnenaufgang an die Startlinie. Vielleicht ist aber gerade das das Besondere. Mit dem ersten Gipfel erreicht man auch die ersten Sonnenstrahlen. Die Kunst ist nun, diese Anfangseuphorie möglichst lange zu konservieren, denn wenn man nach drei Stunden auf die Uhr schaut und weiß, man hat noch nicht mal die Hälfte rum, realisiert man, dass es heute wieder ein “langer Tag im Office” wird. Das Office gleicht aber eher einem Großraumbüro und bekanntlich leidet es sich in Gesellschaft leichter. So verbringt man einen langen Radsport Tag mit netten Gleichgesinnten.

Zwischenfazit: Remie! Beide Events haben das gewisse Etwas. Kein Finish bekommt man geschenkt. Im Ötztal wie auch im Wallis ist man lange unterwegs, muss früh raus und fährt durch die schönen Alpen. Man motiviert sich gegenseitig und aus Gegnern werden Leidensgenossen, egal ob auf dem Bike oder Rennrad.

Was ist härter?

Nach dem Cristalp eine Woche vor dem Ötztaler hätte ich mir nicht vorstellen können, dass der Ötztaler noch härter sein kann. Doch siehe da, auch in Sölden kam ich fix und fertig im Ziel an. Mountainbiking ist eine andere Sportart als der Straßensport, somit sicherlich schwer zu vergleichen. Obwohl ich Mountainbiker bin und mir diese Sportart mehr liegen sollte, muss ich als Fazit ziehen, dass der Mountainbike Marathon härter ist, als der Straßenradmarathon. Das Urteil mache ich vor allem daran fest, dass es beim Biken keinen Meter wirklich rollt und auch der Genuss von Windschatten nur sehr begrenzt ist. Also ein hauchdünner Vorsprung für den Bikemarathon!

Wer´s nicht glauben mag, der hat nächstes Jahr wieder die Chance, sich selbst dieser Challenge zu stellen. Kleiner Tipp: Erspart euch die drei Tage Eurobike dazwischen. Dies schlecht für die Erholung und Vorbereitung!

So oder so: Chapeau vor allen passionierten Mountainbikern & Rennradfahrern, die solch ein Radsportereignis erfolgreich hinter sich gebracht haben. Euch gebührt mein sportlicher Respekt.